Die Reben sind nicht nur unser Arbeitsplatz, sondern auch ein Stück gelebte Tradition. Jedes Jahr im Frühjahr beginnt hier eine der wichtigsten Arbeiten im Rebbau: Der Rebschnitt. Diesmal wollte ich diese Erfahrung mit meinen drei Söhnen, unsere 5. Generation, teilen. Ilay (12), Ayden (10) und Nayil (9) begleiteten uns in die Reben, um zu lernen, warum dieser Schnitt für die kommenden Monate so entscheidend ist.
Warum wird der Rebstock geschnitten?
Bevor wir zur Schere griffen, erklärte ich ihnen, warum der Rebschnitt überhaupt notwendig ist. „Wenn wir die alten Triebe nicht entfernen, wächst die Rebe unkontrolliert“, erklärte ich. „Dann entstehen zu viele Blätter und zu viele Trauben, die aber nicht mehr genug Kraft bekommen, um richtig zu reifen.“
Ich zeigte ihnen die verschiedenen Teile der Rebe – die alten, verholzten Triebe aus dem Vorjahr und die jungen, einjährigen Ruten, die neues Wachstum bringen. „Hier entscheiden wir, wie sich die Pflanze im neuen Jahr entwickelt“, sagte ich und liess sie die Knospen an den Trieben zählen. „Jede Knospe kann später eine Traube hervorbringen. Doch wenn wir zu viele lassen, leidet die Qualität.“
Erste Versuche mit der Schere
Nach der Theorie kam die Praxis. Die Jungs durften selbst die Schere in die Hand nehmen – natürlich mit etwas Anleitung. Anfangs war die Zurückhaltung gross. „Aber wenn ich jetzt den falschen Trieb abschneide?“, fragte Ayden skeptisch. Ich beruhigte ihn: „Es gibt nicht nur einen richtigen Weg, aber mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür.“
Vorsichtig setzten sie die Schere an, überlegten, schauten sich an, welche Triebe bleiben sollten, und dann – knack – fiel der erste Trieb zu Boden. Man merkte ihnen an, dass sie es erst nicht glauben konnten, tatsächlich eine Pflanze so stark zu beschneiden. Doch je mehr sie sich damit beschäftigten, desto sicherer wurden sie
Verständnis für die Natur entwickeln
Während wir arbeiteten, sprachen wir über den Kreislauf der Natur. Ich erklärte ihnen, dass die Rebe im Frühling neue Triebe bildet und dann kräftig wächst und im Herbst schliesslich die Trauben reifen. Doch ohne den richtigen Schnitt würde sie ihre Kraft nicht richtig verteilen.
Ilay, der Älteste, stellte eine kluge Frage: „Aber in der Natur gibt es doch auch keine Scheren. Wie haben sich die Pflanzen dann früher entwickelt?“ Ich erklärte ihm, dass wilde Reben zwar ohne Menschen wachsen, aber sie eben nicht für Qualität, sondern nur für das Überleben optimiert sind. „Wenn wir Wein machen wollen, müssen wir der Rebe helfen, damit sie das Beste aus sich herausholen kann.“
Ein wertvoller Tag für uns alle
Für mich war dieser Tag mehr als nur eine kleine Lehrstunde im Weinbau. Es war eine Gelegenheit, meinen Söhnen erneut zu zeigen, wie viel Arbeit hinter einer Flasche Wein steckt. Ich hoffe, dass sie aus diesem Tag nicht nur Wissen, sondern auch eine tiefere Verbindung zur Natur und unserer Familientradition mitnehmen konnten.